„Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ (Psalm 31,9)

Impuls von Dekan Dietmar Zoller

Denk ich an meine Kirche in der Nacht, bin ich manchmal schon um den Schlaf gebracht. Ja, es gibt viele Veränderungen und Abbrüche. Auch unsere Kirchen im Dekanat werden leerer. Wir kämpfen mit Austritten. Selbst in unserer ländlichen Gegend schwindet die Tradition, dass Kinder getauft, Jugendliche konfirmiert, Paare kirchlich getraut und Verstorbene kirchlich bestattet werden.


Das beschwört Untergangsszenarien herauf, aber Angst ist ein schlechter Ratgeber. Das wussten bereits die Beter:innen der Psalmen. Sie breiteten ihre Not und Angst immer wieder vor Gott aus, um dann auch wieder zu zuversichtlicheren Worten und einem gefestigten Herzen zu finden. „Du stellst meine Füße auf weiten Raum!“ (Psalm 31,9), ist so ein Satz.
Angst macht das Leben nämlich eng. Das erlebe ich auch in der Diskussion um unsere Kirche. Wir blicken auf Mitgliederschwund, zurückgehende Finanzkraft und fehlendes theologisches Personal. Der Priorisierungsprozess der Landeskirche hilft vielleicht noch ein paar Jahre die Nase auf dem sinkenden Schiff über Wasser zu halten, aber er fühlt sich für mich eher wie Insolvenzverwaltung, denn Aufbruch an. 


Wer überzeugt zu Gott sagen kann, „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“, sieht auch in der Krise die Fülle der Möglichkeiten, die Gott uns schenkt. Und der Wanderprediger Jesus aus Nazareth macht es uns ja auch vor, wie wir den weiten Raum der Möglichkeiten Gottes nutzen können. Er selbst und seine Jünger steigen radikal aus allem Gewohnten aus und lassen alles hinter sich, um möglichst Viele Gottes Liebe und Barmherzigkeit spüren zu lassen.
Ich fände es wenig ratsam, die zwölf Freunde mit ihrem Rabbi einfach ins Heute zu kopieren und die Sandalen anzuschnallen. Aber als Kirche im Vertrauen auf Gott mehr zu wagen, das könnte uns schon gut zu Gesicht stehen. Schließlich brauchen Menschen in einer Zeit, in der das Recht des Stärkeren wieder salonfähig zu werden scheint, Orte, an denen sie zusammenkommen und fragen können, wie sie wieder mehr Menschlichkeit und Miteinander in unser Zusammenleben bringen.


Wer wagt, gewinnt natürlich nicht nur. Im Wagnis liegt auch Scheitern. Schlimmer als zu scheitern finde ich aber, es gar nicht erst versucht zu haben. Deshalb brauchen wir christliche Startups, die neu und ganz anders die Botschaft des Evangeliums unter die Leute tragen. Die Alte Druckerei, unser Zentrum für Miteinander und Nachhaltigkeit will solch ein Startup sein. Es ist spannend, die Arbeit dort zu erleben und zu steuern, damit sie hier und jetzt in die Situation von Bad Bergzabern und Umland passt. Solch ein Startup kann aber in Vorderweidenthal, Steinweiler oder Freckenfeld ganz anders aussehen. Wichtig ist, sich wie Jesus von der Grundfrage treiben zu lassen, wie es gelingt, mehr Menschlichkeit im Zusammenleben zu verwirklichen. Und dazu müssen wir nicht nur nach Dietrich Bonhoeffer „Kirche für andere“ sein, die meint, zu wissen, was für andere gut ist. Wir müssen Kirche mit anderen sein. Dazu gehören für mich sehr viel mehr als nur die, die Kirchenmitglied sind.


„Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ Möglichkeiten gibt es viele, wir müssen es nur wagen, sie zur Wirklichkeit werden zu lassen. Und mit Blick auf Ostern sollte der Mut dazu besonders wachsen. Die Auferstehung Jesus verheißt uns, dass nicht einmal Scheitern und Tod die Macht haben, das Leben vor Gott eng zu machen.   

Dietmar Zoller, Dekan.