
„Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach“ (Amos 5,24)
Impuls von Dekan Dietmar Zoller
Was ist gerecht?
Alle Welt redet von Gerechtigkeit, aber als ungerecht empfinden Viele das, was sie für einen Nachteil für sich selbst und einen Vorteil für andere halten. Darum trägt Justitia mit der Waage der Gerechtigkeit in der Hand auch eine Augenbinde. Sie soll ihre Urteile ohne Ansehen der Person fällen. Ein hoher Anspruch, der schon in Systemen, die großen Wert auf die Neutralität von Gerichten und Richtern legen, angesichts der unterschiedlich verteilten Möglichkeiten von Macht und Geld an seine Grenzen kommen kann. Wieviel mehr ist dies der Fall, wenn Gerichte keine unabhängige Instanz bilden oder Korruption und Vetternwirtschaft herrschen.
Aber was ist denn eigentlich gerecht?
Es gibt welche, die behaupten, dass sie für jeden Cent, den sie in ihrer Tasche stecken haben, selbst hart arbeiten. Ihnen ist wichtig, dass jeder bekommt, was er sich auch wirklich selbst verdient hat. Aber ist es gerecht, dass eine Friseurin bei voller Stelle zwischen 2.300 € und 2.700 € brutto verdient, während das bei einer Bankkauffrau zwischen 3.700 € und 5.400 € brutto sind? Und lässt sich bei denen, die ihr Geld für sich arbeiten lassen, also Menschen, die so viel Vermögen besitzen, dass sie von Einkünften aus Geldanlagen leben können, von Arbeit reden? Manche sagen, es gibt Einkommen, die sind so exorbitant hoch, dass Leistung und Verdienst in keinem angemessenen Verhältnis mehr stehen. Wie angemessen ist es, dass schon Fußballer in der Zweiten Liga zwischen 7.000 € und 20.000 € pro Monat brutto verdienen? Da haben wir noch gar nicht von einem Harry Kane gesprochen, der für unter 1 – 2 Mio € pro Monat gar keinen Ball treten würde. Und dann taucht in dieser Debatte um verdient oder nicht verdient bei manchen auch noch der Ärger über die auf, die angeblich unser Sozialsystem ausnutzen und von Grundsicherung leben. Ein Streit über den andere wiederum nur den Kopf schütteln, weil sie an jene erinnern, die es trotz hoher Einkommen verstehen, kaum Steuern zu zahlen.
Durch die Menschheitsgeschichte hindurch zieht sich eine Diskussion, die zwei grundsätzliche Pole hat. Jenen besagten Pol, dass gerecht empfunden wird, dass Menschen das bekommen, was sie sich verdienen. Überspitzt würden die formulieren: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!“ – steht übrigens so ähnlich in der Bibel (2. Thess 3,10). Stammt sogar von Paulus. Nur der hat noch das kleine Wörtchen „will“ gebraucht und wendet sich gegen solche, die alles Handeln in der Welt schon aufgegeben haben, weil sie in Endzeitstimmung minütlich mit der Wiederkehr Christi rechnen.
Der andere Pol behauptet, dass Gerechtigkeit erst dann herrscht, wenn alle haben, was sie zum Leben brauchen. Dazu erzählt uns Jesus jene Geschichte von den Arbeitern im Weinberg, deren Pointe mancher als ungerecht empfindet. Da werden welche zu unterschiedlichen Tageszeiten für die Arbeit angeworben. Am Ende erhält jeder den gleichen Lohn, egal ob er den ganzen Tag in brütender Hitze geschuftet hat oder nur kurz vor Feierabend hinzugekommen ist (Mt 20,1-16). Ein Denar erhielt jeder. Das war damals so viel, damit die Familie eines Tagelöhners an diesem einen Tag ihre Grundversorgung sicherstellen konnte.
Was ist gerecht? Wann strömt das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach (Am 5,24)? Wenn ein Mensch bekommt, was er sich (angeblich) durch seine Leistung verdient hat? Oder wenn alle genug zum Leben haben? Das könnte doch der Stoff für eine heiße Diskussion an einem lauen Sommerabend sein! Wo Recht und Gerechtigkeit gefunden werden, scheint die kühle Erfrischung nämlich nicht weit!
Dietmar Zoller, Dekan.
